Vortrag

    Geheime Netzwerke im Untergrund: Mykorrhiza-Pilze

    Teilnahme nur mit 2G-Nachweis ab 16 Jahren

    Etwa 90% aller heute lebenden Landpflanzen besitzen sie: Mykorrhiza. Für uns weitgehend unsichtbar, durchziehen diese Pilze die Böden unserer Wälder, Äcker und Grasländer und verbinden nahezu alle Pflanzen wie ein Telegraphennetz, transportieren Informationschemikalien zwischen den Pflanzen, welche darauf reagieren, indem Wachstum, Abwehrstoffproduktion und Kohlenstoff-Verteilung in den Boden strategisch geändert werden können.

    Die Bedeutung dieser Pilze für den Nährstofferwerb und die Wasserversorgung von Pflanzen ist unumstritten; ebenso bietet Mykorrhiza einen Schutz vor Wurzelpathogenen, Schadstoffen wie Schwermetallen und einen Puffer gegen Wurzelfraß. Die Eroberung des Festlandes durch die Pflanzen vor 450 Millionen Jahren wurde vermutlich erst durch Mykorrhizapilze ermöglicht. Diese Symbiose ist demnach eine der ältesten mutualistischen Beziehungen zwischen Organismen überhaupt. Manche Pflanzen, wie z.B. die Familie der Kreuzblütler, haben sich im Laufe der Evolution jedoch wieder von ihrem Pilzpartner abgewandt und Abwehrstoffe gegen Mykorrhizapilze entwickelt. Dem Pilz verlangt es nämlich nach Kohlenstoff und diesen können Pflanzen für ihr eigenes Wachstum sehr gut gebrauchen.

    Wie jede Symbiose besteht die Mykorrhiza-Pflanze-Beziehung nur entlang eines fragilen Kontinuums zwischen Parasitismus und Mutualismus, in der jeder Partner seinen Vorteil maximieren will. Die Umweltbedingungen und die Enge der Beziehung zwischen den Partnern entscheiden letztendlich, ob sich das Ganze für die Pflanze auch lohnt. Bei unfairen Forderungen des Pilzpartners können manche Pflanzen die Kolonisierung steuern, bei anderen entscheidet der Pilz die Symbioseregeln. Ebenso kann der Pilz über das gemeinsame Netzwerk regulieren, welche Pflanze im Geflecht mehr Nährstoffe erhält und somit die Konkurrenzbeziehungen in Pflanzengesellschaften beeinflussen. Die Beziehung zwischen Pilzen und Pflanzen ist und bleibt eine der spannendsten Beziehungen zwischen Organismen, deren ökologische Bedeutung wir längst noch nicht vollständig verstanden haben.

    Dr. Stephan Unger (Universität Bielefeld)